Inklusiv, barrierefrei, divers: Warum wir eine Klimakommunikation für alle brauchen

Catharina Dörr
Inklusiv, barrierefrei, divers: Warum wir eine Klimakommunikation für alle brauchen

Eine Frage, die uns bei der Climate Media Factory immer wieder beschäftigt, ist, wie wir möglichst viele Menschen mit unserer Klimakommunikation erreichen können. Oft sind unsere Projekte zugeschnitten auf ganz bestimmte Zielgruppen, z.B.: schwangere Personen, denen Ansätze zum Schutz vor Hitze vermittelt werden sollen; Grundbesitzer*innen, denen nachhaltige Lösungen für gesunde Böden aufgezeigt werden; Entscheidungsträger*innen, denen wir datenbasierte Tools zur Verfügung stellen, die den kommunalen Klimaschutz unterstützen sollen. Einige Projekte richten sich wiederum sehr allgemein z.B. an “EU-Bürger*innen”. Egal wie spezifisch oder breit gefasst die Zielgruppe ist, müssen wir immer von einer hohen Vielfalt innerhalb dieser Gruppen ausgehen. Dazu zählen Faktoren wie Geschlechtszugehörigkeit, Herkunft, Alter, kultureller Kontext, körperliche Fähigkeiten und verschiedene Bildungsgrade. Doch  in den meisten öffentlichkeitswirksamen Projekten werden Menschen vergessen, die nicht einer gesellschaftlichen “Norm” entsprechen. Das kann zur Folge haben, dass diese Personen gesellschaftlich nicht mitgedacht und somit quasi “unsichtbar” gemacht werden.

Menschen, die von Rassismus, Klassismus, Ableismus und Sexismus betroffen sind – und diese Diskriminierungsformen sich gegenseitig bedingen (Intersektionalität) – sind häufig vulnerabler im Hinblick auf sozio-ökonomische Veränderungen, die z.B. mit dem Klimawandel einhergehen. Wenn diese Mensche in der Planung und Umsetzung nachhaltiger Projekte nicht mitgedacht werden, kann das schwerwiegende Folgen für ihre Lebenssituation haben. Wenn Informationen sie nicht erreichen oder nicht ansprechen, entsteht eine Kluft zwischen Menschen, die befähigt sind, ihr Verhalten zu ändern und sich vor Gefahren zu schützen, und Menschen, die diese Möglichkeiten eher nicht haben, weil ihnen die Informationen darüber nicht zugänglich gemacht wurden.

Denn: Was wissenschaftlich zu Klimafolgen formuliert wird, ist Personen ohne spezifisches Fachwissen meist zu komplex. Was eine Mobilitätsstrategie für Menschen ohne körperliche Beeinträchtigungen ist, wird möglicherweise für Menschen mit Gehbehinderung nicht umsetzbar sein. Wie sich Menschen vor Hitze schützen können, ist für die einen mit finanziellen und zeitlichen Ressourcen besser möglich, für andere Menschen aufgrund ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen nicht einfach umzusetzen. Dies sind nur einige wenige Beispiele, die veranschaulichen, worauf es ankommt, wenn wir Inklusivität in unsere Projekte und Designs integrieren wollen.

Die Herausforderung bei einer Klimakommunikation „für alle“ ist also, dass es keine homogene Zielgruppe gibt. Daher müssen wir unsere Projekte und damit auch unsere Kommunikation von Anfang an heterogen gestalten und im Laufe der Zeit immer wieder anpassen. Dieser Spagat, den unterschiedlichen Interessen und Zugänglichkeiten in der Kommunikation gerecht zu werden, kann einerseits mithilfe einer inklusiven Projektplanung und mit einer bewusst diversitätssensiblen Gestaltung gelingen.

Was hat Barrierefreiheit in der Kommunikation mit Gestaltung zu tun? Alles!

Denn die Aufgabe von Designer*innen ist es, komplexe Themen auf den Kern des Inhalts zu reduzieren, um diese grafisch überzeugend darstellen zu können. So kann komplexes Fachwissen an ein breites Publikum vermittelt und so der Zugang zu Wissen erleichtert werden. Auch formelle Aspekte spielen eine Rolle: z.B. hoch kontrastierte Farben, klare Schriftarten sowie Alt-Text für Bildbeschreibungen und Auto-Deskriptionen bei Videos.

Nachhaltige Kommunikation erfordert ein tiefes Verständnis der Zielgruppen und ihrer Bedürfnisse, insbesondere in der visuellen Kommunikation. Jede Entscheidung über Stil, Medium und Sprache sollte auf einer gründlichen Analyse basieren, die sicherstellt, dass die Botschaft die gewünschten Empfänger*innen erreicht. Designer*innen bringen in der Regel ein fundiertes Wissen darüber mit, was visuell funktioniert. Doch was ist, wenn die Zielgruppe nicht klar definierbar ist?

Ein Schlüsselkonzept ist Repräsentation.

Menschen, die Informationen über Klimafolgen empfangen, müssen sich von der Botschaft angesprochen fühlen – sie müssen sich und ihre Lebensrealität in den Darstellungen wiederfinden. Wenn eine Illustration beispielsweise ausschließlich aus abstrakten männlichen und weiblichen, möglicherweise nur weiß gelesenen Figuren besteht, kann dies zu einem Gefühl der Exklusion bei Menschen führen, die diesen Kategorien nicht zugehörig fühlen. Diese Personen könnten den Eindruck gewinnen, sie seien nicht gemeint oder gar unsichtbar und irrelevant.

Das Fehlen diverser Darstellungen kann weitreichende Konsequenzen haben.

In der Klimakommunikation riskieren wir, wichtige Akteur*innen zu verlieren: Entscheidungsträger*innen, Verbündete und vor allem jene, die besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Gerade diese Menschen benötigen Informationen, die sie direkt ansprechen und befähigen, Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Gutes Design kann dabei helfen, indem es selbstverständlich vielfältige Darstellungen von Menschen integriert.

Ein Beispiel dafür ist das I-CHANGE Projekt, in dem bewusst Figuren mit unterschiedlichen Körperformen, Größen, Altersstufen, Hautfarben und Behinderungen gezeigt werden. Doch auch ist Wachsamkeit geboten: z.B. wie werden Personen im Rollstuhl dargestellt? Welche Aktivitäten führen sie aus? Unreflektierte Darstellungen können Stereotype reproduzieren oder neue diskriminierende Bilder schaffen. Diversität in Illustrationen bedeutet, sich aktiv mit verschiedenen Lebensrealitäten auseinanderzusetzen und erlernte Bilder sowie die eigene Wahrnehmung kontinuierlich zu hinterfragen.

Natürlich bleibt die Herausforderung groß.

Bei dem Versuch, eine inklusivere Klimakommunikation zu gestalten, werden wir immer eine marginalisierte Gruppe übersehen. Manche Menschen lassen sich schlicht nicht erreichen – sei es, weil ihnen der Zugang zu Bildung verwehrt wird, weil es an technologischen Ressourcen wie Elektrizität fehlt, oder weil sie das Thema, trotz inklusiver Repräsentation, nicht interessiert und deswegen nicht erreicht. Diese Grenzen können wir nie vollständig überwinden.

Auch unsere eigenen Ressourcen sind begrenzt. Die notwendige Zeit für Gespräche mit den Zielgruppen, Wissensaneignung, Selbstreflexion, Feedbacks und Diskussionen steht oft nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung. Dennoch ist es essentiell, diese Zeit zu investieren. Nur durch ständige Reflexion, Anpassung und Weiterentwicklung der visuellen Kommunikation können wir es schaffen, so wenig Menschen wie möglich zurückzulassen.

____________________________________________________________________________

Dieser Text basiert auf Erfahrungen und Erkenntnissen, die während der Green Digital Accessibility Conference in Barcelona, insbesondere im Rahmen des Workshops „How to design a sustainable project for all? Learning by doing and using the I-CHANGE project as an example“, geleitet von Catharina Dörr am 2. Dezember 2024. Die Konferenz wurde vom GreenScent Projekt und der Forschungsgruppe Trans Media Catalonia der Universitat Autònoma de Barcelona organisiert.

Create with us
Create with us!
Let’s develop ideas together on how to make your scientific findings and innovative concepts for sustainable futures impactful.